SSDT – 2006 Bericht von Alfred Braun

 

Vorgeschichte:

1992 im stolzen Alter von 31 Jahren habe ich mit dem Trialsport begonnen. Bei der ersten Weihnachtsfeier im MTC-Neunkirchen hat mir Walter Luft von der Faszination SSDT erstmals erzählt und mich mit dem Virus infiziert.

Jahrelang  war das Vorhaben jedoch kein Thema. Erst 1996 und 1997 hat Mario Mempör mehrfach versucht mich für eine Teilnahme an den Schottischen zu motivieren. „Die Sektionen sind nicht so schwer. Alle Sektionen sind in einem Bach und nur aufwärts zu befahren. Als Trialfahrer muss man einmal im Leben in Schottland gewesen sein. ….“, lauteten seine Argumente. Aus beruflichen und privaten Gründen war ein Start zu dieser Zeit aber nicht möglich.

 

Nachdem ich im Sommer 2000 im Zuge einer Schottlandreise mit Familie auch Fort Williams besuchte, habe ich für mich beschlossen einmal im Leben bei den SSDT dabei zu sein. Nächster Anlauf waren die Jahre 2004 und 2005 in denen ich mich für den Bewerb angemeldet habe, jedoch nicht „gezogen“ wurde. Fast lustlos und ohne wirkliche Erwartungen habe ich mich für 2006 wieder angemeldet. Am 2. Jänner 2006 habe ich genau 2 Wochen nach meiner Meniskusoperation (ich hatte die Krücken erst ein paar Tage davor weggelegt) von Mario erfahren, dass ich  2006 dabei sein darf.

 

Die Vorbereitung begann praktisch noch am selben Tag mit Hometrainer, Langlaufen, Skitouren und einige Wochen später mit Laufen und Trialfahren. Als Konditionstraining war auch Endurofahren angesagt.

 

Nachdem wir uns einige Tipps von Walter Luft geholt hatten, wurde das Motorrad entsprechend vorbereitet, Reserveräder organisiert, Ersatzteile eingekauft bzw. auf Lieferschein besorgt, Regengewand eingekauft, ein zusätzliches (3.) Paar Trialstiefel geordert, …. Die Reisevorbereitungen (Fähre, Internationale Tageslizenz, Umbau des Wohnmobils für den Transport von 2 Motorrädern usw.) veschlangen wesentlich mehr Zeit als geplant. Eine Darmgrippe eine Woche vor der Abfahrt kostete mir nicht nur wertvolle Zeit und Kraft sondern auch 4 kg meines mühsam angesammelten Körpergewichts.

 

Die Anreise über Amsterdam – Fähre nach Newcastle  - Fort Williams verlief wie geplant und ohne Probleme. Samstag war der Classic-Bewerb in Kinlochleven angesagt. Hier traf ich neben Peter Ehringer und seiner Frau eine Menge bekannte Gesichter  des Classic-Eurocups bei dem ich 2005 in der Pre-Unit-Klasse mitgefahren bin. Bei herrlichem Wetter (Sonnenschein und ca. 22°C) bekamen wir einen Vorgeschmack auf die kommende Woche. Sektionen im Bachbett, jede Menge rutschige Steine, sehr viele fachkundige Zuseher, Punkterichter die keine Mine verziehen und emotionslos Startnummer und Punktezahl notieren.

 

 

Erwartungen:

Aufgrund der Erzählungen von Teilnehmern vergangener Jahre und der Einschätzung meines eigenen Könnens (ich war und bin von den teilnehmenden Österreichern 2006 sicherlich der Schwächste) gab es für mich folgendes Ziel: Tag 1 bis 6 überstehen und den Bewerb fertig fahren, egal wie viele Punkte ich in den Sektionen oder durch Zeitüberschreitung ausfassen werde. In der Wertung bleiben und letzter werden, wie Peter Ehringer beim Classic-Trial, war das erklärte Ziel. Die Zwischensektionen zwischen 85 und 193 km täglich fürchtete ich nicht, da nach Starts an diversen Endurobewerben  zu erwarten war, dass stundenlanges Fahren durch die Botanik ist kein wirkliches Problem darstellt. Außerdem hatte ich gehofft, dass aufgrund der wechselnden Belastung (Zwischenstrecke, Besichtigung, Sektionen Fahren) keine Eintönigkeit aufkommen wird. Mir war auch klar, dass ich jeden Tag einige Sektionen verweigern würde (lt. Mario Mempör gibt es jeden Tag 3 bis 6 „Hämmer“ die man gar nicht versuchen sollte). Ich hatte mich täglich mit 90 bis 100 Punkten aus Sektionen und einigen Zeitstrafen eingeschätzt (Summe 650 bis 700 Punkte für die ganze Woche).

 

Sonntag:

In der Früh zur Anmeldung im Hotel Ben Nevis (am anderen Stadtende von Fort Williams ca. 4 km). Dank Alf Koch und seinem „Pressemobil“ kein Problem. Danach Montage der Startnummer, letzte Vorbereitungen am Motorrad und ab zur Technischen Abnahme. Nachdem Startnummer auf Motorblock und Rahmen aufgepinselt wurde, ab in den Parc Ferme. Ein flaues Gefühl im Magen macht sich erstmals bemerkbar. Plötzlich stehen Leute wie Thierry Michaud, Marc Colomer, Amos Bilbao und Laia Sanz neben dir in der Reihe. Für mich ist das abgelaufen wie ein Film bei dem ich nicht mitspiele, sondern nur zuschaue.

Am Nachmittag Parade durch die Fußgängerzone von Fort Williams. Dudelsackpfeifer, Unmengen von Zusehern, die First Lady des Districts und 275 Trialfahrer, die alle diszipliniert (ohne Wheelies, Hinterradheber und ähnliche Kunststücke) mit Schritttempo durch die City rollen. Eigentlich ein wahnsinnig tolles Erlebnis, wäre da nicht die Ungewissheit im Hinterkopf: „Was erwartet mich ab morgen? Ist das Motorrad richtig vorbereitet? Alle Schrauben fest? Welches Werkzeug habe ich noch nicht im Rücksack? Alle Ersatzteile im Presseauto von Alf? …..“ und tausend andere unbeantwortete Fragen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Montag:

Laut Aussage von Walter Luft sind die Nacht und das Frühstück vor dem Start am Montag am schlimmsten. Mit beidem hatte er Recht. Nach einer schlaflosen Nacht habe ich das von meiner Frau mit Liebe zubereitete Frühstück  verweigert. Das Wetter ist echt schottisch. Der Regen am Morgen ist in einen ergiebigen Landregen übergegangen. Die Temperaturen für mitteleuropäische Verhältnisse sehr tief (+5°C). Mir ist weder kalt, noch macht mir der Regen was aus (rede ich mir zumindest ein). Etwas mehr als zwei Stunden nach der Startnummer 1 komme ich als erster von einem österreichischen Dreierblock mit Startnummer 127 an die Reihe (Mario Mempör 128 und Fritz Krankl 129 folgen jeweils eine Minute später). Bis zur ersten Sektionsgruppe Asphalt und eine leicht zu fahrende Schotterstraße. Die beiden Sektionen, wie könnte es anders sein, in einem Bachbett ohne wesentliche Steigung aber ---- hunderte Zuschauer, rutschige kugelrunde Kieselsteine (nicht zu klein), für mich keine Spur erkennbar, ewig lange Sektion. Ich weiß nicht mehr aus welchem Grund die Knie am meisten schlotterten. Vermutlich waren es die vielen Zuseher (vor allem das Ehepaar Franken aus Deutschland vom Classic-Eurocup).

 Mit österreichischen Trials nicht zu vergleichen. Man kann sich die komplette Sektion nicht merken. Eventuell zwei oder drei markante Punkte (Steine – und die sehen am Anfang alle gleich aus). Die Fahrt in der Sektion ist reine Improvisation.

Nachdem ich meinen ganzen Mut gefasst habe und durch die beiden Sektionen „stolperte“,  habe ich einen 3er und einen 5er kassiert. Kaum aus der Sektion drängt Mario zum Weiterfahren. Zeit ist kostbar.

 

Die folgende Zwischensektion zeigt erstmals was uns erwartet. Wald, Wanderwege und Hochmoor, unendliches Hochmoor. Der Dauerregen ist in Schneeregen und später in Schneefall übergegangen. Die nächste Sektionsgruppe mit 0, 3, 5 entspricht in etwa meinen Erwartungen. Bei einer Flussdurchfahrt bin ich kurz unkonzentriert und lege mich samt Moped in das ca. 40 cm tiefe Wasser. Erster Gedanke: dem Motor darf nichts passieren  -  gerade noch gut gegangen. Zweiter Gedanke: kalt, nass – kalt ja aber nass ?? ich spüre nichts – super Regengewand vom „Weichenberger“. Aber als ich aufgestanden bin verteilen sich geschätzte 20 Liter eiskaltes Wasser auf meine Jacke und Hose und füllte die Stiefel bis zum überlaufen. Beim darauf folgenden Tankstopp habe ich kurz überlegt ob ich die Reservehandschuhe aus dem Rücksack holen sollte. Habe ich dann gelassen – hätte keinen Sinn gemacht. In der nächsten Hochmoorpassage ist Fritz zwei Mal im Schlamm versunken. Das Moped war nur zu zweit zu bergen. Der Schneefall ist wieder in Regen übergegangen – das heißt die Temperaturen wieder über 0°C. Die Sektionen alles andere als leicht. Jede Wertung besser als 5 ist ein Erfolg --- nein, eigentlich eine Sensation für mich. Die Anzahl der Sensationen hält  sich allerdings in Grenzen.

Endlich ist Kinlochleven in Sicht. Nur noch eine Abfahrt, dann kommt die Sektionsgruppe Schoolhouse. Aber die Abfahrt hat es in sich. Rutschig, steil   - sehr steil. Die Kehren des Wanderwegs sind so eng und von den heftigen Regenfällen so ausgewaschen, dass ich nicht ums Eck komme. Ich stehe teilweise neben dem Moped und versuche verzweifelt auf dem rutschigen Lehmboden Halt zu bekommen und nicht abzustürzen. Der Puls kurz vor 200, kalt ist mir schon lange nicht mehr, den Anschluss zu Mario habe ich verloren,  Fritz sehe ich noch ab und zu ---- von hinten. Irgendwie bin ich froh die nächsten Sektionen zu erreichen. Aber nicht lange. Meine Frau, die hier schon seit längerer Zeit im Regen steht und zusieht kommt mir mit Tränen in den Augen entgegen und meint: „Die zwei Sektionen fährst aber nicht.“ Vorerst habe ich nicht verstanden warum. Bei der Besichtigung wurde mir aber klar ---  das kann nur ein Scherz sein. Ein Bach der doppelt so breit ist wie der Lenker. Die Einfahrt eine Stufe mit 80 cm, dann ein Becken (ca. 150 cm lang und 40 cm tiefes Wasser) und dann ein Wasserfall mit ca. 3m Höhe. Für mich unfahrbar (hier haben auch Fritz und Mario die vollen Punkte kassiert).

Dann habe ich mir angesehen wie ich in die zweite Sektion komme. Fast chancenlos. Aber nachdem man für eine verweigerte Sektion 50 Punkte kassiert, schmeiße ich die Monti in den Bach und springe nach. Obwohl die zweite Sektion wesentlich leichter ist scheitere ich, weil ich einfach zu wenig oder zu unbeherzt Gas gebe. Von den fachkundigen Zusehern wird man nicht einmal belächelt --- die ignorieren solche wie mich ganz einfach.

Dann endlich Tankstopp und Mittagspause. 15 Minute Zwangspause in denen man das Motorrad nicht angreifen darf. Beim Snackstand kaufe ich mir einen Cheeseburger und einen Kaffee. Beides ist ungenießbar für mitteleuropäische Gaumen. Es ist aber erstaunlich wie gut man sich in einer viertel Stunde erholen kann. Fritz ist genauso wie ich in erster Linie mit sich selber beschäftigt und kaum ansprechbar.

Danach geht’s Richtung Blackwater. Der Weg würde in den Alpen unter Schwierigkeitsgrad 2 fallen (ab 3 braucht man Seil und Haken). Rutschige Steine am Hang entlang, teilweise die Möglichkeit bis zu 50 m abzustürzen und zwischendurch einige Bachdurchfahrten die sich gewaschen haben. Bei den Sektionen angelangt bin ich so fertig, dass ich kaum besichtigen kann. Da einige Fahrer angestellt sind gibt es Delay-Zeit auf der Startkarte. Punkte in den Sektionen interessieren sowieso keinen mehr. Wichtig ist nur mehr jede Sektion erreichen und „nur“ 5 Punkte kassieren.

Die Positive Erinnerung an diesen Streckenabschnitt: nach der Besichtigung habe ich bei zwei Subsektionen keine Chance gesehen das Ende zu erreichen. Bei beiden habe ich drei Punkte kassiert und Thierry Michaud ist es noch schlechter gegangen. Das baut auf, zumindest so lange bis ich zu hause die Ergebnisse durchgesehen habe. Aber dazu später.

Beim nächsten Hochmoor hole ich Fritz wieder ein. Wir kämpfen uns zusammen durch die Botanik und motivieren uns gegenseitig. Die letzte Sektionsgruppe hätte Fritz fast übersehen. Nach einer kurzen Aufholjagd hole ich Fritz zurück und wir versäumen wenigstens keine der 30 Sektionen.

Der Abschluss der Tagesetappe geht über groben Schotter, dann wird er feiner und schließlich ab dem letzten Tankstopp sogar Asphalt. Einen Kilometer vor dem Ziel hat sich mein Kettenspanner in die Einzelteile zerlegt. Nachdem ich die Kette wieder auf die Zahnräder gelegt hatte, bin ich so vorsichtig wie nur möglich ins Ziel gefahren. Für ein kleines Service war auch noch Zeit vor dem Park Ferme.

Im Fahrerlager bekommt man jeden Ersatzteil, den man sich nur vorstellen kann. So habe ich nicht den kompletten Kettenspanner gekauft, sondern nur die Feder, eine Schraube und den Gummi.  Bezahlen musste ich auch nicht sofort. Der Händler schrieb sich nur meine Kreditkartennummer und meine Startnummer auf und meinte nur, dass ich im Laufe der Woche noch öfters kommen werde und somit die Rechnung erst am Samstag geschrieben wird.

Am Abend haben sich dann die kleinen Wehwehchen bemerkbar gemacht. Das Knie angeschlagen, die Schienbeine blau (trotz Stiefel), Schwielen an den Händen, Muskelkater praktisch am ganzen Körper usw.

 

Dienstag:

Motiviert und voller Energie ging es in den nächsten Tag. Die halbe Stunde vor dem Start habe ich für die Reparatur meines Kettenspanners und Kontrolle von Luftdruck und Speichen verwendet.

Die ersten 25 km waren auf der Straße zu fahren. Saukalt. Bei den ersten Sektionen angelangt, kann  ich kaum meine Knie bewegen. Die Besichtigung und die Fahrt in den beiden ersten Prüfungen muss für einen Außenstehenden wirklich lustig ausgesehen haben. Mir war nicht zum Lachen zumute. Dann wurde uns gleich wieder warm – Hochmoor ohne Ende. Beim Versuch eine der vielen Rinnen zu überspringen bin ich zu langsam und lande mit dem Vorderrad im Sumpf. Ich verabschiede mich über dem Lenker und rolle einige Meter durch den Sumpf. Die Monti steht mit dem Vorderrad bis 15 cm unter dem Lenker im Dreck. Das Hintergestell, Luftfilter und Auspuff sind Gott sei Dank über der Wasserlinie. Alleine hätte ich das Ding nie befreien können. Drei Franzosen haben mir geholfen, sonst würde ich vermutlich heute noch dort stehen.

Neben der Quälerei mit den natürlichen Hindernissen (Hochmoor, Steine unter Gras und kleinen Büschen versteckt, Regen, Sturm,…) haben sich ein oder mehrere Scherzbolde an den Markierungsfahnen vergriffen und uns (ca. 15 bis 20 Teilnehmer vor und nach mir) in eine falsche Richtung dirigiert. Als nach ca. 2 km keine Spuren von Trialmotorrädern zu sehen waren und uns einige Teilnehmer entgegenkamen, kehren wir um und fahren bis zur letzten Abzweigung zurück. Dort probieren wir die anderen Abzweigmöglichkeiten aus bis Thierry Michaud mit seiner Gruppe kommt und in die gleiche (falsche) Richtung fährt wie wir zuvor. Nachdem Fritz meint „ein Michaud fährt sicher richtig“ drehen wir die Ehrenrunde nochmals und verlieren in Summe ca. 35 Minuten.

Die Quälerei bis zur Mittagspause kommt mir unendlich vor. Die Unsicherheit beim Fahren im Hochmoor seit meinem Sturz in der Früh setzt mir zu. Ich bin wesentlich langsamer als gestern. Die letzte Sektionsgruppe vor dem Mittagessen sollte nochmals eine größere Herausforderung werden. Die Einschätzung meiner Frau:

„Die erste und die fünfte Sektion kannst vielleicht fahren, den Rest vergiss“. Sie hatte ziemlich Recht. Zwei Sektionen habe ich geschafft, allerdings die zweite und die vierte. Zwischen den Sektionen die Hölle. Sumpf, Matsch, Schlamm.

Nachdem ich wusste, dass die Strecke an der ersten Sektion wieder vorbeiführt, habe ich meinen Rucksack dort liegen gelassen. Bei der (fünften) End of Hill-Sektion ist mir die Kette herausgesprungen und hat sich zwischen Ritzel und Schwinge eingeklemmt. Die Monti ohne Motorkraft aus der Sektion zu bekommen war schon anstrengend genug. Nachdem ich kein Werkzeug mit hatte, versuchte ich mit anderen Hilfsmittel die Kette freizukriegen. Leider keine Chance.

Somit gab es nur eins: Das Moped zum Werkzeug bringen. Auch nicht wirklich einfach, aber effektiver als umgekehrt. Mit Montiereisen habe ich versucht das Ritzel abzubauen. Kein Erfolg. Dann hat mir einer der Werksmechaniker von Laia Sanz und Amos Bilbao versucht zu helfen.

 

Das Motorrad bis zur Straße geschoben. Er wollte die Schwinge ausbauen. Leider nicht möglich, da er keine Steckschlüssel im Serviceauto hatte. Sonst alles da, Vorder– und Hinterräder, Kotflügel, Reservemotor usw. aber leider keinen 19er Steckschlüssel. Ich dachte mir, das kann doch nicht „mein“ Ende der SSDT sein. Die Gefühle kann ich heut, einen Monat nach dem Bewerb, nicht wirklich beschreiben. Ich habe nur versucht alleine zu sein, wollte bis zum nächsten Tankstopp (ca. 1,5 km) gehen und dort mein Moped abgeben. Alf Koch, Ines Mempör und meine Frau haben das akzeptiert und ließen mich in Ruhe. Nach 200m Fußweg spricht mich ein Einheimischer aus einem Ford Transit an und fragt ob ich Sprit brauche. In meinem mehr als schwachen Englisch versuchte ich zu erklären,  welches Werkzeug ich benötige. Er sprang aus dem Wagen, mache hinten den Bus auf und kam nach kurzem Suchen mit einer Mutter angerannt. Erst als ich ihm am Motorrad mein Problem zeigt, meinte er: “You need a sprocket.“ Im Nächsten Augenblick hatte ich Gedore-Satz, Durchschlag, Hammer und ein Montagestockerl in der Hand. Mein Motorrad hat er nicht angegriffen, nur Werkzeug zur Verfügung gestellt.

 

 In dem Moment sind auch Alf, Ines und Martina im „Pressemobil“ stehen geblieben. Mit einem Schlag waren die ganze Verzweiflung und der Frust wieder weg. Obwohl diese Reparatur weniger als zehn Minuten gedauert hat, habe ich hier mehr als eine Stunde Zeit verloren.

Die Zwangspause habe ich mit Startnummern um 260 (das heißt die sind mehr als zwei Stunden nach mir gestartet) abgehalten. Jetzt gab es nur mehr ein Ziel: rechtzeitig vor der 60-Minuten Grenze ins Ziel kommen. Das Wetter wurde nicht gerade freundlicher, die Zwischenstrecke alles andere als leichter und von den Sektionen habe ich kaum mehr was mitbekommen. Wo immer es möglich war habe ich nur schnell einen 5er abgeholt und bin weitergefahren.

Im Hochmoor bin ich verzweifelt. Die Kraft am Ende. Bei jedem, der mich überholte, nahm ich mir vor in seiner Spur zu fahren und mich bei ihm anzuhängen. Die Einheimischen haben mir aber auf 300 m ca. 150 m „abgenommen“ und so habe ich alle innerhalb kürzester Zeit aus den Augen verloren. Nach einer kurzen Pause mit Powerriegel und Isostar war ein Tor in einem Weidezaun zu durchfahren. Da die Spuren nach dem Tor sehr schlammig aussahen und eine steilen Hang hinaufführten, versuchte ich gleich nach dem Tor nach rechts, wo keine Spuren waren, auszuweichen. Noch bevor ich den Spanndraht, der am rechten Torsteher montiert war, richtig gesehen habe, ist das Moped unter mir weitergefahren und ich viel auf den Boden. ….. Als ich wieder munter wurde, saß ich am Boden, ein Teilnehmer gab mir zu trinken und fragte mich in scotish-english nach meinem Befinden. Obwohl es kaum Stellen am Körper gab, die nicht schmerzten, fuhr ich weiter (in der Wildnis wäre mir auch nichts anderes übrig geblieben).

Irgendwann habe ich dann den nächsten Tankstopp erreicht. Von der letzten Sektion sah ich nur die Einfahrt. Dann noch Zeitkontrolle und ab jetzt nur noch Asphaltstrasse. Trotz Regen und Linksverkehr fuhr ich was das Zeug hielt (die Monti geht mit Originalübersetzung weit über 100 km/h). Ich sah noch eine geringe Chance vor den 60 Minuten ins Ziel zu kommen. Wäre mir auch fast gelungen. Was ich jedoch nicht bedacht hatte: von der Zeitkontrolle bis ins Ziel muss man 25 Minuten brauchen. Obwohl ich gut 10 min. schneller war, hat mir das nichts genutzt, da ich vor Zeitkontrolle warten musste, bis die 25 min vergingen. Im Parc Ferme wurde mir gesagt, dass ich für den nächsten Tag eine neues Kennzeichen und somit einen neuen Kotflügel brauche.

Im Campingbus frustriert angelangt, habe ich dann erst die Auswirkungen von  meinem Crash gesehen. An der linken Hand ist der Zeigefinger bis zum 2.Glied zwetschkenblau, auf einer Seite hängen ca. 3 cm² und fast einen cm tief Fleisch und Fett weg. Der Mittelfinger ist an der Oberseite „freigelegt“ bis zum Knochen. Die rechte Schulter und der Kopf haben auch was abbekommen, aber das ist nicht so schlimm. Die Schwielen an den Händen haben sich in ausgewachsene Blutblasen verwandelt. Meine Frau schneidet vom Zeigefinger das lose Haut und Fettgewebe weg, desinfiziert die Wunde und verpasst mir einen Verband. Sie meint nur, dass ich den Nagel verlieren werde.

Es folgt der tägliche Besuch beim Montihändler, wo ich Kotflügel, Nummertafelhalterung und einige andere „Kleinigkeiten“ einkaufe. Fritz und ich haben am Abend noch versucht aufgrund der „falsch gelegten Fährte“ ein Paar Minuten bei der Rennleitung herauszuschinden. Die Reaktion war sinngemäß folgende: Wenn es noch andere Teilnehmer (Schotten oder Engländer) gibt, die das gleiche Problem hatten, werden wir und drum kümmern und dies berücksichtigen.

Die Nacht war eher unangenehm. Der Finger „pocht“ bei jedem Herzschlag bis ich den Nagel aufbohre. Trotz schmerzstillendem Mittel schlafe ich sehr schlecht.

 

Mittwoch:

In der halben Stunde vor dem Start baue ich alle erforderlichen Ersatzteile ein und mache Service soweit es möglich ist. Das Wetter ist endlich besser (zumindest vorübergehend). Kurz vor meiner Startzeit hilft mir Martina in den linken Handschuh. Dann kommt das böse Erwachen. Gemeinsam mit der Startkarte bekomme ich ein Schreiben vom Veranstalter worin steht, dass ich aufgrund der Zeitüberschreitung vom Vortag aus dem Bewerb genommen wurde. Es besteht die Möglichkeit außer Konkurrenz so lange mitzufahren, bis eine weitere Überschreitung von mehr als einer Stunde anfällt.

 

Frustriert und zornig fahre ich los. Erst Asphalt, dann feiner Schotter, dann Wald- und Wanderwege. Alles kein wirkliches Problem. Der linke Zeigefinger ist nach oben gestreckt, mit dem Mittelfinger wird gekuppelt. Erst bei der  ersten Hochmoorpassage muss ich mir eingestehen, dass ich so keinen Tag mehr weiterfahren kann. Bei der ersten Sektionsgruppe entschließe ich mich nach langem ringen mit meinem inneren Schweinehund aufzuhören.

Ich begleite Fritz noch bis Kinlochleven bzw. bis zur Fähre und hole dann meine Frau ab, die zu Fuß nach Fort Williams unterwegs ist. Zum krönenden Abschluss meiner SSDT werden wir (meine Frau und ich sind gemeinsam auf der Monti auf der Bundesstraße unterwegs) von einer Weissen Maus aufgehalten. Strafe gibt’s zwar keine, aber als meine Frau absteigt, sehe ich den zerstörten hinteren Kotflügel, den ich drei Stunden zuvor neu montiert hatte.

Ich weiß bis heute nicht, ob die Enttäuschung über den Ausfall oder die Erleichterung (keine Strapazen, kein Stress, keine schlaflosen Nächte,…) zu diesem Zeitpunkt größer war.

Nachdem Fritz zwei Stunden später aufgegeben hatte, ist es mir auch leichter gefallen.

 

Donnerstag:

„Urlaub“ auf Sky.

 Freitag:

Wir sehen uns die SSDT von der „anderen“ Seite an. Bei manchen Sektionen denke ich mir: eigentlich nicht wirklich schwer, das wäre doch zu machen. Aber wenn man dann in die Gesichter der Starter schaut, erinnert man sich wieder daran, dass man eigentlich schon bevor man zur Sektion kommt fix und fertig ist.

Es ist herrlich einem Colomer, Bilbao oder Jarvis zuzusehen. Bei jedem guten Fahrer wird mir klar, dass ich hier als Teilnehmer nichts verloren habe.

 

Allgemeines:

Fasziniert war ich von Landschaft, Organisation, Publikumsinteresse und Hilfsbereitschaft von Teilnehmern und Betreuer.

Überfordert war ich von der Zwischensektion (da fallen mir die Worte von Helmut Hojas ein: du musst 6 Monate täglich Kondition trainieren um das durchzustehen) und teilweise von den Sektionen (vor allem am ersten Tag).

Enttäuscht war ich von der differenzierten Regelauslegung: in Werksteams arbeiten bis zu 4 Mann an einem Motorrad (außer dem Fahrer dürfte keiner das Motorrad anfassen); bei Thierry Michaud habe ich zwei 5er in den Blackwatersektionen gesehen. In den Ergebnislisten scheint kein einziger auf. Als Zuseher habe ich beobachtet wie „einheimische“ Fahrer zu  Punkterichter gehen und sich einen 5er einschreiben lassen (normalsterbliche müssen mit dem Motorrad zumindest durch das erste Tor fahren  --- und selbst dann ist nicht sicher, dass der Punkterichter nicht 50 statt 5 Punkte vergibt  -- siehe Fritz Krankl am 3. Tag).


Unglaublich war für mich die Erzählung meiner Frau am ersten Tag: bei einer Sektion in der Nähe von Kinlochleven bei strömenden Regen. Alles ist ruhig, kommentarlos wird ein Fahrer nach dem anderen beobachtet. Plötzlich geht ein Raunen durch die Menge. Jeder zweite blättert im Programm und gegenseitig kommen die Bestätigungen: „Er ist es wirklich!“ ---- Es geht nicht um einen ehemaligen Weltmeister oder Laia Sanz. Die Rede ist von Walter Luft, der heuer das 25. Mal teilnimmt und in Schottland so was wie eine lebende Legende ist.

 

 

Fazit:

Ein Erlebnis der Extraklasse, aber für eine 45 jährigen Hobbysportler mit Familie und einem „ausgefüllten“ Berufsleben mindestens um zwei Nummern zu groß. Daran werde ich bis Weihnachten täglich erinnert (bis der Nagel am „Kupplungsfinger“ wieder nachgewachsen ist).